Predigt Januar 2013

Queergottesdienst am 20.01.2013, St. Johanniskirche Nürnberg

Liebe Queer-Gemeinde !

Die Katholische Kirche feiert am 25. Januar das Fest Pauli Bekehrung und verbindet das mit der besonderen Bitte um die Wiedervereinigung der Christen. Der Machtanspruch der römischen Päpste hat in der Vergangenheit der Kirchengeschichte zu den vielfältigsten Spaltungen geführt: Ostrom mit der Orthodoxie, Westrom, 3 Päpste gleichzeitig um 1417; 100 Jahre später der Versuch von Professor Martin Luther zur Kirchenreform 1517; es gelang nicht, statt dessen 30 Jahre Religionskrieg von 1618 – 48.

Saulus, ein jüdischer Pharisäer, mit römischer Staatsbürgerschaft, musste erste vom Blitz getroffen werden, vom hohen Ross fallen – manche Bibelwissenschafter meinen, er habe einen Epileptischen Abfall bekommen – um zur Erkenntnis des Messias, des Christus zu gelangen.

Aus seinem religiösen Fanatismus bekämpfte er die jüdische Sekte des „Neuen Weges“.Erst durch eine persönliche Erschütterung kam er zur Besinnung, lernte anders sehen.
(Das kann bei uns durch einen Ski- oder Sportunfall passieren.)
Hananias, ein Jünger der Neuen Lehre, erhielt den Auftrag, erhielt die Berufung, dem Saulus die Hände segnend aufzulegen, ihm die Augen zu öffnen fr die andere Wirklichkeit und ihn dann zu taufen auf den Namen Paulus.

Nicht nur die Grossen werden berufen wie z.B. der Perserkönig Kyros, das jüdische Volk nach Kanaan zurückziehen zu lassen oder Karl der Grosse, den christlichen Glauben bis nach Franken verbreiten zu lassen oder Gorbatschow, der die deutsche Wiedervereinigung friedvoll ermöglichte. Auch durch die Kleinwüchsigen, Geh- und Seh-Behinderten will Gott die Erde erneuern.

Zum Staunen aller christlichen Gemeinschaften wurde Paulus ein Eiferer, der Jesus von Nazareth als den von den Juden erwarteten Messias verkündete.

In der ersten konziliaren Versammlung zu Jerusalem, erstritt er dem Petrus gegenüber, dass die Anhänger Jesu nicht jüdisch beschnitten werden mussten, um Gemeinschaft mit dem Lebendigen (JHWH) zu haben, sondern der Glaube an Eloim genügt und das Vertrauen auf ihn, durch das Zeichen der Taufe „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ besiegelt, führt zur Mitgliedschaft in der christlichen Gemeinde.

So wie durch die Päpste christliche Gemeinschaften gespalten wurden, beginnt nun durch das Wirken Heiligen Geistes seit 50 Jahren ein Konziliarer Prozess für Frieden durch Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung (angeregt durch Richard von Weizsäcker); die Konziliare Versammlung im Okt. 2012 in Frankfurt, in Erinnerung an den Beginn des II. Vatikanischen Konzils. Die Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen haben zum 1. Januar 2013 in der Nürnberger (Lieb-)Frauen-Kirche am Hauptmarkt einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Sie wird wohl heuer auch wieder das Osterfeuer entzünden.

Im November starten seit Jahren in der Innenstadt und besonders in der Südstadt Friedenswege / Prozessionen aller Religionen, die JAHWEH als den Einen Gott verehren.

Die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden unter Anregung des Theologen Johannes Küng und hier in Nürnberg des Professors Johannes Löhnemann versucht, durch Informationen, Ausstellungen z.B. im CPH, Diskussionsveranstaltungen die Vertreter der verschiedenen Weltreligionen und Weltanschauungen, z.B. der Humanistischen Union, an einen Runden Tisch zu bringen, um die Menschheitsfamilie erfahrbar werden zu lassen, um den sozialen Frieden in unserer Grossstadt zu garantieren.

Wir Christen bieten z.Zt. die Plattform, dass die religiös zerstrittenen Muslime wieder miteinander reden. So wie es eine jüdisch-christliche Arbeitsgemeinschaft gibt, hat eine christlich-muslimische Arbeitsgemeinschaft in den vergangenen beiden Jahren eine CHARTA des Zusammenlebens entwickelt.

Sicherlich müssen die verbrieften Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 auch bei uns in Deutschland noch besser verwirklicht werden: Kinder-Rechte, Frauen-Rechte.
Und wir Schwulen, Lesben, Transgender pochen auf unsere Bürgerrechte zur Entfaltung unserer Identität und Individualität.

Zurück zu Saulus und Hananias:
Wir, die wir uns hier in der ehemaligen Pestkirche vor den Toren der Stadt treffen, haben unsere sexuelle Orientierung wohl weniger durch ein einmaliges Blitzereignis entdeckt; das ist zwar durch einen Kuss oder eine Begegnung in der öffentlichen Badeanstalt oder einer Jugendstil-Toilette auf der Promenade in Bamberg nicht ausgeschlossen.

Wahrscheinlich dauert der Prozess der Selbsterkenntnis drei Jahre und die Bejahung zu sich selbst und seiner Orientierung zu stehen, währt lebenslänglich.

Sicherlich ist der Prozess auch nicht durch eine standesamtlich eingetragene Partnerschaft abgeschlossen, wenn unsere leiblichen Kinder aufgrund ihrer gesellschaftlichen Abgrenzungserfahrung unsern Beistand brauchen.

So wie Saulus die Begleitung eines Hananias brauchte, um wieder sehen zu können, können wir froh sein, bei unserem Coming Out verständnisvolle Menschen erfahren zu haben oder in einer Selbsthilfegruppe wie z.B. Fliederlich, Whüst oder Uferlos
Gleich-Empfindende, Gleich-Gesonnene gefunden zu haben, die eben auch „So – sind“.

Nun, heute feiern wir in der Katholischen Kirche das Fest des Hl. Sebastian.

Er wird widersprüchlicherweise als Patron der Schützenbruderschaften verehrt und auf bestickten Fahnen vor ihnen hergetragen.

Er war ein Uniformträger bis er Christ wurde. Er war dann ein Kriegsdienstverweigerer und sollte als ehemaliger Berufssoldat durch Bogenschützen getötet werden. Frauen pflegten ihn gesund. Als er sich nicht verborgen hielt und offen dem Kaiser gegenüber Vorwürfe machte wegen dessen Grausamkeiten, Folterungen, Todesstrafen, wurde er, Sebastian, mit Knüppeln erschlagen.

Ähnlich geht es Homosexuellen in Uganda und orientalischen Ländern, mit denen die Bundesregierung Kriegswaffengeschäfte in grossem Umfang tätigt.

Wir schwulen Männer haben den muskulösen Sebastian zur Ikone erhoben und lassen uns von ihm trösten, als Patron der Pestkranken, besonders wenn wir durch die HIV- Immunschwäche gezeichnet sind.

So lasst uns heute auch der Betroffenen und Krebskranken aus unserer Gemeinde im Gebet gedenken.

Wir als ökumenische Gemeinde mit unterschiedlichen konfessionellen Wurzeln sind Zeichen der Hoffnung für eine wiedervereinigte Christenheit.

Der von manchen ersehnte Weltuntergang hat am 21.12. 2012 nicht stattgefunden.

Für die 250 Tausend war er an Weihnachten 2004 bei der durch Erdbeben ausgelösten Flutwelle auf den Thailändischen Inseln. Wir haben noch die Zeitspanne 2013.

Welche Berufung, welchen Auftrag erkennen wir einzelnen? Inwieweit sind wir bereit, unsere Lebensenergie zur Humanisierung unserer Gesellschaft einzubringen?

Wir brauchen die Orientierung und Stärkung wie alle diejenigen vor uns, die hier Geborgenheit erfahren haben.

Amen.